1 Smart City neu denken

Bis heute kreist die Diskussion über die Smart City hauptsächlich um Visionen technischer Möglichkeiten. Über Jahre zeigten die Zukunftsbilder der Smart City 1.0 eine sterile Stadt, die vor allem steuerbar und kontrollierbar erschien. Diese Konzentration auf die Technologie lenkte lange von der grundsätzlicheren Frage ab: Wie wollen wir in der Stadt der Zukunft leben? Mittlerweile rückt der Mensch stärker in den Fokus der digitalisierten Stadt. Auf Augenhöhe mit der Technik, soll er diese als Werkzeug zur Gestaltung des eigenen Lebensumfeldes nutzen und selbst über die Verwertung seiner Daten bestimmen. Bislang zögern Politik, Planer*innen und Verantwortliche in Stadtverwaltungen, sich mit den Möglichkeiten und Auswirkungen der digitalen Stadt auseinanderzusetzen. Dabei drängt die Frage, wie sich technologische Innovationen für eine nachhaltigere, demokratischere und gerechtere Entwicklung der Städte des 21. Jahrhunderts nutzen lassen.

Smart Not City

2018 - bis in die Bordmagazine der Reiseunternehmen haben es die immer gleichen Smart-City-Beiträge geschafft. Im Flugzeug sitzend, können Passagiere fliegende Autos bewundern, auch das Reisemagazin der Bahn versüßt die Fahrt mit Technikträumen: alles blinkt, alles kommuniziert miteinander, Sensoren und Software messen und steuern die Stadt. Menschen brauchen zu deren Gelingen scheinbar so wenig beizutragen, dass sie in den Darstellungen oft schlicht vergessen werden.

Ohnmachtsgefühle und ein wenig Nostalgie stellen sich ein. Ohnmacht gegenüber den viel zu kurz gegriffenen Zukunftsvisionen. Und Nostalgie, erinnern doch viele Entwürfe an die technikgläubigen Utopien der 1960er Jahre. Durchaus nachvollziehbar also, dass Verantwortliche der Stadtplanung eine Abwehrhaltung gegenüber der Smart City entwickeln. Zu weit weg scheint die Stadt von morgen, zu fremd und zu abstrakt ihre technische Umsetzung. Es wirkt, als sei diese Stadt nach völlig fremdartigen Grundsätzen programmiert. Aber sind diese Grundsätze die richtigen?

Woran sich eine „gute Stadt“ messen lassen muss

Die eigentlichen Zutaten für gute Städte sind uns im Grunde längst bekannt. Sie basieren auf einfachen Grundsätzen. Zu ihnen zählen nutzungsdurchmischte kompakte Quartiere und aneignungsfähige Freiräume, zugängliche öffentliche Räume und fußläufige Wegenetze, ein sparsamer Umgang mit Ressourcen, gut ausgebaute öffentliche Verkehrsmittel und Wohnraum, der für die Bevölkerung bezahlbar ist. In der Leipzig Charta wurden dazu auf der Ebene der Europäischen Union klare Leitlinien verabschiedet, deren Geltung von Kopenhagen bis Athen reicht. Sie beinhalten auch, Lösungen zu finden, um soziale Differenzen auszugleichen. Die 2015 verabschiedete New Urban Agenda bestätigt diese Ziele auf transnationaler Ebene und ergänzt dabei die Forderung nach einer klimagerechten Stadt. Eine solch lebenswerte Stadt sollte der Prüfstein sein, an dem wir den Nutzen und Einsatz neuer Technologien messen.

Songdo Smart City

Die Planstadt Songdo in Südkorea war im Jahr 2003 eine der ersten greenfield Smart City Projekte. Verkauft haben sich die Immobilien trotz digitaler Verheißungen jedoch nur schleppend. So werden zwischen den leerstehenden Wohnhochhäusern mittlerweile Chilis für Kimchi gepflanzt und getrocknet, auf dem verwaisten Unicampus Modellflugzeuge getestet und an den Rändern der Stadt überwuchert die Natur wieder Straßen und Infrastruktur. Nur der große Park im Zentrum lockt Besucher aus dem nahe gelegenen Seoul zu einem Sonntagsspaziergang im artifiziellen Grünen.
© Melanie Humann

Den Modernisierungsschub zum Wohle der Gesellschaft nutzen

Aber kann die Digitalisierung überhaupt dabei helfen, eine gemeinwohlorientierte Stadtentwicklung voranzutreiben, ohne die Errungenschaften der städtischen Demokratie über Bord zu werfen? Mit der entfesselten Entwicklung von Datenanalyse und Technik stellt sich die Frage, ob mit ihr nicht zugleich unsere gesellschaftspolitischen Systeme untergraben werden. Der Prozess wird oft mit der Industrialisierung des 19. Jahrhunderts verglichen. Damals änderte sich die gesellschaftliche Ordnung fundamental. Die Städte platzten aus allen Nähten, während sich das Land entleerte. Dabei wurden die Lebensbedingungen der Städte für so viele Menschen so unerträglich, dass der Ruf nach Reformen laut wurde – um den Modernisierungsschub zum Wohle der Gesellschaft zu nutzen und nicht umgekehrt. Dies fing an bei der medizinischen Versorgung und den Sozialversicherungssystemen und reichte bis hin zu den gesellschaftlichen Utopien der 1920er Jahre, deren räumliche Übersetzung die Gleichheit zum Paradigma machte.

Eine Zukunftsvision: die SMARTREBELCITY

Auch die Digitalisierung ist heute augenscheinlich dabei, die Weltordnung grundsätzlich zu verändern. Umso wichtiger ist die Suche nach Wegen, Technik im Sinne des Menschen und einer gemeinwohlorientierten Stadt einzusetzen. Die Vision einer digitalen Stadt, die die technische Revolution zum Wohle der städtischen Gesellschaft urbar macht, könnte man „SMARTREBELCITY“ nennen. Eine Stadt, in der Technologie nicht dem Nutzen von Unternehmen, sondern dem Benefit nachhaltiger kommunaler Systeme dient. Ihre Grundprinzipien basieren auf den Ideen der Freien-Software-Bewegung. Aus deren Ansatz, digitale Tools zu gestalten, die frei zugänglich sind und dem Gemeinwohl dienen, sind Anwendungen entstanden, die einer bürgernahen Stadtplanung nützlich sind. Inzwischen haben die Prinzipien und Tools längst die Laboratorien der Hacker und Hackerinnen verlassen und werden von Pionierstädten im Alltag erprobt. Ihre Ausgestaltung ist umkämpft und im Werden begriffen. Ihr Konzept aber lässt sich anhand einiger Grundpfeiler umreißen. Die „Matrix“, auf der eine SMARTREBELCITY beruht.

Sie besteht zum einen auf dem Konzept der Technologie-Souveränität. Darunter versteht man, dass Bürgerinnen und Bürger mit der Politik gemeinsam entscheiden, welche neuen Technologien sie einsetzen, wenn es zum Beispiel darum geht, städtische Verwaltungsaufgaben zu lösen. Öffentliche Verwaltungen greifen hier bislang fast ausschließlich auf die Software von großen Konzernen zurück. Die Folge ist, dass Abhängigkeiten entstehen, für die die Kommunen dauerhaft teuer bezahlen müssen. Um der Falle zu entgehen, lässt sich zum Beispiel Open-Source-Software einsetzen, die finanzielle und informationelle Unabhängigkeit gewährt (mehr dazu in Kapitel #3 Transparenz hinterfragen).

New York City

Smarte Technologien in der Stadt werden von den Bewohner*innen oft auf Ihre ganz eigene Weise benutzt. Die LinkNYC Multimediasäulen in New York bieten verschiedene digitale Services und sind eigentlich für den kurzen Gebrauch bestimmt. Nach Inbetriebnahme kam es immer wieder zur Aneignung, um dauerhaften Zugang zu den kostenlosen Services zu erhalten. Die Stadt New York hat das Angebot mittlerweile eingeschränkt.
© Farsad Ghaffarian

Eins der umkämpftesten Terrains auf dem Weg zur digitalen Stadt sind die Daten. Daten werden nicht umsonst als das Öl des 21. Jahrhunderts bezeichnet. Indem die Bewohnerinnen und Bewohner von Städten WLan, Smartphones, Fitnesstracker oder Smart Watches verwenden, kommen sie zunehmend wandelnden Messstationen gleich, die Datenspuren hinterlassen. Dass diese Daten von unschätzbarem Wert sind, haben bislang vor allem große Unternehmen erkannt. In der SMARTREBELCITY geht es nun darum, diesen Datenschatz zu nutzen, nicht um Profit zu generieren, sondern um Radwege zu planen, Sharing-Konzepte zu entwickeln, Ressourcen zu sparen oder Mieten sozial zu gestalten. Dazu werden Wege gefunden, wie Bürgerinnen und Bürger ihre Daten zu diesen Zwecken zugänglich machen. Zugleich sind Regularien wichtig, die persönliche Daten schützen. Denn wenn Daten im digitalen Zeitalter zum wichtigsten Rohstoff werden, wird Datensicherheit zur wichtigsten Schutzfunktion (mehr dazu in Kapitel #2 Daten öffnen).

Im gleichen Zuge verpflichten sich SMARTREBELCITIES zur Transparenz, indem sie ihrerseits ihre kommunalen Daten der breiten Bevölkerung zugänglich machen. Im besten Falle gewinnen Bürgerinnen und Bürger auf diese Weise demokratische Kontrolle. Allerdings müssen Daten dazu nicht nur verfügbar sein, sondern auch so aufbereitet werden, dass sie verwendbar und verständlich sind (mehr in Kapitel #3 Transparenz hinterfragen).

Last not least ist Civic Tech ein Herzstück der digitalen Stadt, wie wir sie hier skizzieren. Civic Tech ist ein Sammelbegriff für digitale Tools, die es Bürgerinnen und Bürgern ermöglichen, in einem interaktiven Prozess mit Politik und Verwaltung Entscheidungen über die Zukunft der Stadt auszuhandeln (mehr in den Kapiteln #4 Kollaboration einschleusen und #5 Offene Gesellschaft verwalten). Je besser es in diesem Sinne gelingt, den digitalen Modernisierungsschub zu demokratisieren, desto eher werden urbane Entwicklungen den realen Bedürfnissen der Bevölkerung entsprechen. Je sinnvoller die allgegenwärtigen Datenströme im Sinne von Nachhaltigkeit und Teilhabe genutzt werden können, – desto sozialer, ökologischer und lebenswerter können die Städte von morgen sein.

Der Status Quo: Das Geschäft mit der Smart City

Auf der Suche nach Ansprechpersonen zum Thema Smart City wird man heute in deutschen Stadtverwaltungen noch immer im Ressort der Wirtschaftsförderung fündig. Das ist folgerichtig. Ist doch das Konzept der Smart City ursprünglich ein technologie- und datengetriebenes – und somit vor allem von wirtschaftlichem Interesse. Die Verheißungen der sogenannten Digitalwirtschaft bezüglich Wirtschaftswachstum und Arbeitsplätzen führen die Städte in einen Wettkampf um die Ansiedlung großer Internetfirmen und programmierender Start-up-Eliten. Doch auch die Städte selbst sind ein attraktiver Markt. Konzerne wie IBM, Siemens oder Cisco konkurrieren seit Jahren darum, Städte mit digitalen Infrastrukturen, Sensoren und Verwaltungssoftware auszustatten. Ihr Ziel ist es, die Daten des städtischen Alltags zu sammeln, aus diesem Pool Informationen oder Dienstleistungen zu generieren und diese wiederum den Städten und ihren Bewohnerinnen und Bewohnern zum Kauf anzubieten.

Es wird daher nicht leicht sein, die Ideale einer gemeinwohlorientierten Smart City umzusetzen. Haushalte sind knapp, Sparzwänge groß – und der internationale Städtewettbewerb auf Innovationen drängt. Unter diesem Handlungs- und Wettbewerbsdruck erscheinen die Angebote und verführerischen Versprechen der kommerziellen Technologieanbieter umso verlockender.

Das Zukunftsbild der Smart City wird gegenwärtig daher durch große Unternehmen, einseitige EU-Förderrichtlinien wie „Horizon 2020“ und eine reine Fokussierung auf Technologien geprägt. Der Smart-City-Markt wächst bis 2020 je nach Schätzungen auf jährlich bis zu 760 Milliarden Dollar Umsatz – ein Kuchen, von dem möglichst viele globale Unternehmen ein Stück abhaben wollen. Auf den animierten Webseiten und in Broschüren wird die zukünftige Stadt als effizienter, nutzerfreundlicher und ressourcensparender beschrieben – und das alles in erster Linie durch die smarte Technik der Unternehmen.

Smart City Entwicklung

Detailansicht - Die Smart City-Entwicklung folgt einer Genealogie. Dabei greift jeder Entwicklungsschritt aktuelle (sozial-)technische Innovationen auf und überträgt diese auf Stadtentwicklung und Stadtgebrauch. Die SMARTREBELCITY leitet sich von der Smart City 3 ab. © HTW Dresden

Die Evolution der „Smart City“

Im Laufe der letzten Jahrzehnte hat die Smart City mehrere Entwicklungsschritte durchlaufen, denen unterschiedliche Vorstellungen vom Machtverhältnis zwischen Technik, Mensch und Stadt zugrunde liegen. Diese Entwicklungsstufen kommen dementsprechend den Grundsätzen der SMARTREBELCITIES unterschiedlich nahe.

Die erste Generation der Smart City ist eine stark von den transnationalen Technologiefirmen vorangetriebene Stadt. IBM war mit der „Smarter-Planet“-Strategie [1] eine der ersten Firmen, die sich dieses neue Geschäftsfeld erschloss und in Vorbereitung auf die Olympischen Spiele in Rio de Janeiro ein „Intelligent Operations Center“ installierte. Cisco fokussiert das Internet der Dinge [2] und das Steuern städtischer Serviceleistungen. Siemens erobert das Infrastruktur-, Gebäudemanagement- und Smart-Grid-Geschäft, während Phillips sich auf vernetzte LED-Lichtanlagen fokussiert. Größtes Verkaufsargument ist einerseits die Lösung konkreter Probleme wie Verkehr, Sicherheit oder Abfallentsorgung. Andererseits verfallen immer wieder Städte dem diffusen Glauben, mit solch einer technologie-orientierten Lösung auf einen Schlag wettbewerbsfähig und modern zu werden und damit ökonomisches Wachstum anzukurbeln. Die eindrücklichsten Beispiele dieser Generation sind Smart Cities, die „auf der grünen Wiese“ (bzw. in der Wüste) komplett neu geplant und zum Teil realisiert wurden: New Songdo City in Südkorea, Masdar City in den Vereinigten Arabischen Emiraten und PlanIT Valley in Parades, Portugal zählen zu ihnen.

Neben den Gewinnen durch das Immobiliengeschäft basiert das Modell dieser Firmen auf Daten-Extraktivismus: Durch das Sammeln und Auswerten möglichst vieler Informationen können sie nicht nur zielgerichtete Werbung und Dienstleistungen anbieten, sondern langfristig auch neue Spitzentechnologien im Bereich der künstlichen Intelligenz und Automatisierung weiterentwickeln, um so auch langfristig Markthoheit zu sichern – sei es bei selbstfahrenden Autos oder automatisierter Logistik.

Einige Städte und Bürgermeisterinnen haben diese Versprechungen jedoch hinterfragt und die Frage in den Mittelpunkt gestellt, wie durch den Einsatz von Technologien die Lebensqualität gefördert werden kann. So entsteht eine zweite Generation von Smart Cities, bei denen die Stadtverwaltung die zentrale Rolle einnimmt. Die Stadt Glasgow mit ihrem Future Ctiy Projekt [3] bekam beispielsweise 2013 27 Millionen Euro von der staatlichen Innovationsbehörde „Innovate UK“ als Förderung, um den Einsatz neuer Technologien zu testen. Die Umsetzungsstrategie basiert auf drei Elementen: 1.) einem Operations Center, in dem Videoüberwachung, Verkehrsmanagement sowie „Emergency Planning und Response“ zusammenlaufen, 2.) einer offenen Daten-Plattform und 3.) vier konkreten Demonstrationsprojekten zu Energieeffizienz, sozialem Transport, intelligenter Straßenbeleuchtung und „Active Travel“, um die Bewohner zum Laufen und Fahrradfahren zu animieren. (vgl. Glasgow City Council, 2018). Inwiefern die Menschen hier wirklich stärker an der Stadtentwicklung teilhaben, bleibt auch im Endbericht unklar. Hervorgehoben wird jedoch gleich zu Anfang, dass daraus weitere 160 Millionen Euro an Investments, Einsparungen und neuen Jobs zum Wohle der Bevölkerung und Wirtschaft generiert werden konnten. Somit ist Glasgow ein gutes Beispiel, wie Städte in der zweiten Phase deutlich mehr Hoheit über die Ausgestaltung und strategische Zielsetzung solcher Programme gewinnen, aber diese dann wegen Einsparungs- und Wettbewerbsdruck doch auf der Strecke bleibt.

Die dritte Generation von Smart Cities versucht hier einen Schritt weiter zu gehen und stellt die Kollaboration und Ko-Kreation mit Bürgerinnen und Bürgern in den Mittelpunkt. Barcelona hat alle drei Phasen durchlaufen und ist nach der Übernahme der Regierungsverantwortung durch die „Podemos“ Bewegung mit der Bürgermeisterin Ada Colau und der Verantwortlichen für die Digitale Strategie Francesca Bria inzwischen soweit, dass die Bedürfnisse der Bürgerinnen und Bürger als Teil einer demokratischen Umwälzung im Mittelpunkt stehen. Als erste Maßnahme der neuen Regierung konnten die Stadtbewohner und Bewohnerinnen auf einer kooperativ organisierten Internetplattform über die neue Agenda abstimmen. Der Stopp von Zwangsräumungen, die Erhöhung des Anteils von Sozialwohnungen und eine nachhaltigere Tourismusstrategie, die auch das Verbot des Internet-Buchungsportals „Airbnb“ einschließt, waren die wichtigsten Ergebnisse dieser Diskussion. Wo Barcelona vor vielen Jahren mit klassischen Smart-City-Projekten wie intelligenten Mülleimern, Straßenbeleuchtung sowie Parkplatz- und Mobilitätsapps startete, herrscht inzwischen eine kritische Haltung gegenüber diesen Produkten vor. Nun setzt die Stadt auf den Smart Citizen, auf Open Source, Data Commons und eine digitale Agenda, die in enger Zusammenarbeit mit Bewohnerinnen und Bewohnern, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern und den Maker-Communities erarbeitet wird (vgl. Bria & Morozov, 2017).

Die neueste Entwicklung kommt wieder aus der Richtung der großen Firmen, diesmal jedoch aus dem Silicon Valley. Auch Google und andere Start-ups entdecken das Geschäft mit den Städten für sich. Google hat inzwischen nicht nur mit digitaler Infrastruktur und Dienstleistungen, sondern auch mit der Planung und Gestaltung immer größerer Firmencampus mit städtischen Aspekten und dem Management von Gebäuden viel Know-how aufgebaut. 2015 hat Googles Mutterkonzern „Alphabet“ unter dem Namen „Sidewalk Labs“ eine eigene Firma gegründet, die „urbane Innovationen entwirft, designed, testet und baut, um Städten bei ihren größten Herausforderungen zu helfen”. Zusammen mit der Stadt Toronto plant und realisiert Sidewalk Labs [4] nun einen neuen Hafendistrikt. Der Begriff Smart City fällt nirgends, doch geht es auch hier um das Zusammendenken von Urban Design und neuen Technologien in den bekannten Themenfeldern: Mobilität, Architektur und Gebäudemanagement, Energie-, Wasser- und Abfallsysteme sowie eine allgegenwärtige, offene digitale Infrastruktur und offene Datensysteme. Verändert hat sich gegenüber der ersten Generation die (Bild-)Sprache: Statt technikfokussierter Fachbegriffe und abstrakter Bilder mit einem blauschimmernden Techniklayer über der Stadt, wird von öffentlichem Raum, Nachbarschaften und lokalen Communities gesprochen. Die Illustrationen zeigen lebendige und urbane Stadtszenen im freundlichen Zeichenstil. Die Smart City der 4. Generation im neuen Gewand. Auch andere Firmen der Start-up-Generation versuchen sich zunehmend an Kooperationen mit Städten bzw. beeinflussen deren Entwicklung enorm wie z.B. „Uber“, „Airbnb“ oder andere Apps, die ihre Daten an Kommunen verkaufen wollen.

Who is in charge of the Smart City?

Deutlich wird in der Smart-City-Diskussion: Dominiert Technik, hängt die Idee einer sozialen Stadt am seidenen Faden. Eine Entwicklung, die versucht durch Sensoren, Datenanalyse und Automation eine effizientere und nachhaltigere Stadt zu entwickeln – ohne dass dahinter demokratische Strukturen stehen – hat im schlechtesten Fall fatale Konsequenzen: Überwachung, Exklusion und Diskriminierung, Anfälligkeit der Infrastrukturen und Monopolbildung mit den bekannten Folgen. In Gänze zeigt sich dies im Moment vielleicht noch nirgendwo, aber zumindest in Teilen wird es immer mehr Realität. In politisch turbulenten Zeiten und mit politischen Regimes, die Demokratie und Freiheit zunehmend einschränken, ist dies eine besorgniserregende Entwicklung. Videoüberwachung, Gesichtserkennung und Bewegungsprofile durch Nutzung von Mobilfunkdaten gehören ebenso wie (Staats-)Trojaner bereits zum alltäglichen Repertoire der Sicherheitsdienste. Sei es bei Protesten wie dem Arab Spring oder aktuell am Berliner Bahnhof Südkreuz. Nicht weniger politisch ist der bereits oben angesprochene Daten-Extraktivismus in Städten von Firmen, die hohe Gewinne erwirtschaften und neue Monopole bilden.

Allen dystopischen Szenarien zum Trotz scheint diese Vorstellung jedoch mehr und mehr in Frage gestellt zu werden. Städte wie Barcelona, Helsinki und Hamburg schwenken langsam um. Auch in Berlin findet gerade eine lebhafte Debatte um die Ausrichtung der Smartness im Stadtkontext statt. Zwar fehlen bei all der Aufbruchsstimmung meist noch konkrete Schritte. Nicht zuletzt deshalb, weil es den Entscheidungstragenden noch an thematischem Verständnis fehlt. In der Folge mangelt es an Lösungsansätzen für den Planeralltag und konkreten Strategien für die Verwaltung. Mit einem neuen Bewusstsein für den starken Einfluss der digitalen Transformation auf Städte, kann jedoch eine starke Gegennarration mit schlagkräftigen Bildern entstehen: ein Narrativ, das den menschlichen Maßstab und die Gemeinwohlinteressen in den Mittelpunkt rückt.