3 Transparenz hinterfragen

Erhöhte Transparenz ist eine zentrale Forderung im Zuge der Digitalisierung. Sie kann die Zivilgesellschaft jedoch nur dann auch tatsächlich unterstützen, wenn Informationen und Daten für alle gleichermaßen zugänglich, verständlich und verwertbar sind. Für städtische Planungsprozesse bedeutet Transparenz durch Digitalisierung neben einem breit angelegten Informationsmanagement zu geplanten Projekten auch die Verknüpfung von Daten, um neue Sichtweisen auf die Stadt zu ermöglichen und bislang verdeckte Zusammenhänge offenzulegen.

Mehr Daten, mehr Transparenz?

Allein das Wissen um die stetig wachsenden Datenberge auf den Servern von Unternehmen und öffentlichen Institutionen verstärkt die Forderung nach mehr Transparenz. Gemeint ist damit oft schlicht die Offenlegung der Daten. Aber Transparenz bedeutet nicht automatisch, dass die in den Daten aufgezeichneten Prozesse auch verstanden, Entscheidungen nachvollzogen und Zusammenhänge offensichtlich werden. Die vereinfachte, kausal-lineare Annahme, dass mehr Informationen automatisch zu mehr Transparenz führen, darf angesichts der zunehmenden Flut an unstrukturierten Daten angezweifelt werden. Im Gegenteil: Ein Overload an Informationen kann das Verständnis sogar hemmen und den Aufbau von Vertrauen beeinträchtigen. Transparenz konstituiert sich erst im Auge des Betrachters. Nur wenn bereitgestellte Informationen auch verstanden werden, wird Offenheit zu Transparenz (vgl. Ebert, 2015 S. 46-49). Um nun nicht nur Transparenz, sondern auch Erkenntnis und Nachvollziehbarkeit zu erzeugen, müssen aus der immer größer werdenden Datenmenge valide Informationen für den Empfänger extrahiert und verständlich aufbereitet werden.

Welche Daten der Stadt sind es wert, gemessen zu werden?

Erst indem Daten miteinander in Beziehung gesetzt werden, entstehen Informationen. Das wohl früheste Beispiel hierfür ist die „Ghost Map“ von John Snow aus dem Jahr 1854. Die Karte zeigte die Häufigkeit von Choleraerkrankungen pro Haus und die Lage der Wasserpumpen in mehreren Londoner Stadtvierteln. Die Verknüpfung dieser beiden Informationen machte deutlich, dass Cholera nicht, wie damals noch angenommen, über die Luft, sondern über das Wasser übertragen wird. Ein zeitgenössisches Beispiel aus London zeigt jedoch auch, welche seltsamen Blüten die Datenverknüpfungen mittlerweile treiben. Auf der Plattform niceareas.co.uk [1] können Menschen auf der Suche nach einem neuen Zuhause mögliche Wohnstandorte anhand ihrer Wunschparameter filtern. Die Eingabemöglichkeiten zur Umfeldsuche sind dabei vielfältig – und reichen von Wohnungspreisen, der Verfügbarkeit von Schulen über die Einbruchsrate bis hin zum Durchmischungsgrad des multikulturellen Umfelds.

Während Unternehmen im Erzeugen, Verknüpfen und effektiven Verwerten von Daten bereits über eine breite Expertise verfügen, entdecken Stadtverwaltungen erst seit wenigen Jahren das Potenzial ihrer eigenen Datensätze. Auch Architekten und Planerinnen fehlt hier oft das nötige Know-how oder der Kontakt zu Hackerinnenn oder Programmieren. Dabei drängen Fragen wie:

  • Welche Datensätze sind für die Stadtentwicklung relevant oder unverzichtbar?
  • Welche Kombination aus Datensätzen macht bislang Verborgenes in Städten sichtbar?
  • Welche Datensätze der Stadt fehlen eigentlich – und wer bestimmt, welche Daten der Stadt es wert sind, gemessen zu werden?
  • Was darf auf keinen Fall gemessen werden?

Architektinnen, Stadtplaner, Stadtforscherinnen und Verwaltung stehen künftig in der Verantwortung, Datensätze auf ihre Relevanz, Sinnhaftigkeit und auch auf das Fehlen von Daten hin zu prüfen, aussagekräftige Verknüpfungen herzustellen und zu visualisieren. Vor allem geodatenbasierte Datensätze sind hier von Interesse. Dies zeigen die vielen Mapping- Projekte, die mit zunehmender Verfügbarkeit von Daten völlig neue Sichtweisen auf die Stadt ermöglichen und bislang unsichtbare Zusammenhänge offenlegen. Dabei können digitale Karten als belastbare Diskussionsgrundlage für Akteure dienen, die städtische Entwicklungen miteinander aushandeln (vgl. Picon, 2015).

Das Anti Eviction Mapping Projekt in San Francisco erstellt seit 2013 ein umfangreiches digitales Archiv von Verdrängungs- und Transformationsprozessen in mehreren Stadtteilen San Franciscos. Mittels der Analyse, Verknüpfung und Visualisierung von Censusdaten und durch Crowdsourcing erfassten Daten werden neue Zusammenhänge und Hintergründe der Fort- und Zuzüge transparent. Die resultierenden Karten sind dabei nicht nur online verfügbar, sondern werden auch als Wandbilder unmittelbar im Straßenraum sichtbar.
© Erin McElroy

Best Practise – Datenverknüpfung im Stadtkontext

Ein Forschungsprojekt der Universität Berkeley erstellte 2013 für die stark von Gentrifizierung und Verdrängung betroffene San Francisco Bay Area eine interaktive Karte der regionalen Wanderungsbewegungen. Diese machte den zwar spürbaren, aber bislang nicht nachweisbaren Prozess der Gentrifizierung sichtbar. Die Stadt und die Forscher und Forscherinnen entwickelten dafür den sogenannten Gentrification Index, eine Kombination aus rund 50 Faktoren, mit denen Verdrängungsprozesse gemessen und vorhersehbar gemacht werden können. Alle 50 Faktoren sind durch quantitative und qualitative Daten hinterlegt und in sieben Analysebereiche sortiert. Dazu zählen z.B. die Veränderung von Immobilienwerten und Mieten, die getätigten und geplanten Investitionen im Quartier, die Veränderung der Eigentumsverhältnisse und demografische Veränderungen inklusive ethnischer Herkunft, Einkommen und Bildungsstand oder die Gründe des Zu- und Wegzugs Die Ergebnisse der verknüpften Datensätze werden als interaktive, digitale GIS-Karten dargestellt und sind auf der Webseite urbandisplacment.org [2] kostenlos verfügbar.

Digitale Tools für ein transparenteres Informationsmanagement der Verwaltung

Zurückgestellte Bauanträge, protestierende Anwohner und neu aufgerollte Planungsverfahren verdeutlichen oft als letzte Konsequenz, dass Transparenz und Sichtbarkeit auch in Planungsprozessen häufig irrtümlich gleichgesetzt werden. Selbst unmittelbare Anwohner nehmen Bauprojekte oft erst mit dem Bauschild oder dem ersten gefällten Baum wahr, also dann, wenn es für Änderungen zu spät ist. Beteiligungsverfahren versuchen daher, die Planungsprozesse frühzeitig transparenter und verständlicher zu kommunizieren. Ein Beispiel aus Hamburg zeigt, dass dies durchaus möglich ist: Der langjährige Planungs- und Beteiligungsprozess zur Entwicklung des Spielbudenplatz in Hamburg (ehemalige „Esso Häuser”) machte deutlich, dass Beteiligungsverfahren einen Planungsprozesses tatsächlich unmittelbar vorstellbar und verständlich machen konnten ( vgl. Abb. Sichtbarkeit und Transparenz von Planung im Rahmen von Beteiligungsprozessen am Beispiel der Entwicklung der „Esso Häuser” am Hamburger Spielbudenplatz).

Transparenz hinterfragen

Detailansicht - Sichtbarkeit ist oft das Gegenteil von Transparenz, das zeigt der Prozess um die sog. Essohäuser in Hamburg St. Pauli (Entwicklung am Spielbudenplatz). Erst über den Druck einer gut organisierten und interessierten Öffentlichkeit gelang es, einen Beteiligungsprozess (die “Planbude”) anzustoßen, der Sichtbarkeit und Transparenz über kreative Formate auf Augenhöhe synchronisierte. © HTW Dresden

Auch neue Informations- und Kommunikationstechnologien können eine erhöhte Transparenz in Planungsprozessen bringen. Zum Beispiel gewinnt die Kommunikation über Beteiligungsverfahren und Vor-Ort-Aktionen über Social-Media-Kanäle an Bedeutung. Hierbei profitieren auch Bottom-up-Projekte und nachbarschaftliche Netzwerke, die unabhängig von städtischen Verwaltungsstrukturen agieren. Daneben gibt es die von den Städten finanzierten digitalen Begleitwerkzeuge zu Beteiligungsverfahren – wie Online-Dialoge, Kommentarplattformen und Online-Abstimmungen. Allerdings werden die Potenziale der automatisierten Datenverarbeitung bislang nicht ausreichend genutzt. Daten und Informationen zu städtischen Planungsprozessen könnten schon im Amt so standardisiert gespeichert werden, dass Bürger*innen die Informationen nach ihren individuellen Bedürfnissen filtern und auslesen können.

Best Practice – Transparenz in Verwaltung und Planung

Bereits ein kleines Tool wie www.BürgerBautStadt.de [3], das die Berliner Initiative „BuergerBautStadt” mit Unterstützung der „Open Knowledge Foundation“ betreiben, sorgt für eine bessere Sichtbarkeit von Bauvorhaben im Planungsgeschehen, indem es Bebauungsplanverfahren auf einer Stadtkarte lokalisiert und den aktuellen Stand der Verfahren zeigt. Eine Sonderfunktion filtert alle Vorhaben nach Bezirken und informiert über deren Stand via Mail. Die Aufarbeitung der Informationen erfolgt auf drei Ebenen: manuell durch Auswertung von Amtsblättern, automatisiert aus den Ratsinformationssystemen der Bezirke und über die offenen Daten der Stadt Berlin.

Als ein weiteres Beispiel führt die Stadt Heidelberg seit 2012 auf ihrer digitalen heidelberg.de/vorhabenliste [4] an die 100 Projekte auf, die derzeit oder künftig in der Stadt umgesetzt werden. Diese sind nach Bezirk, Thema und Beteiligungsmöglichkeiten gegliedert und mit zusätzlichen Informationen versehen wie etwa zum Stand des Verfahrens, zu den Kosten, bereits gefallene Entscheidungen im Stadtrat und Kontaktpersonen. Die Informationen werden manuell in das System eingepflegt.

In Barcelona wurde die Plattform decidim.barcelona [5] für mehr Bürgerbeteiligung an Stadtentwicklungsprojekten konzipiert. Die Stadt investierte hier in eine Open-Source-Plattform, die nun auch anderen Städten oder Initiativen auf decidim.org oder github.com frei zur Verfügung steht. Die Funktionen betreffen vier Hauptprozesse: die koproduktive strategische Planung, die Mitverteilung von Haushaltsmitteln, die Ver- und Aushandlung von Fragestellungen unter vielen Beteiligten und die dezentralisierte Entscheidungsfindung.

Transparenz entsteht im Auge des Betrachters

Die Smart City kann für ihre Bewohnerinnen und Bewohner eine transparente Stadt sein. Dazu müssen ihre Daten jedoch nicht nur valide und frei verfügbar sein, sie müssen auch zu Informationen weiterverarbeitet und verstanden werden können. Die wenigsten Menschen sind derzeit in der Lage, die auf den Portalen der Städte und Regierungen bereitgestellten offenen Daten in Tabellen- oder CSV-Format weiterzuverarbeiten. Ohne anwenderfreundliche, frei zugängliche Software oder Tools sind offene Daten für die Zivilgesellschaft kaum zu verwerten. Im Gegenteil – das Risiko steigt, durch die Öffnung von Daten unbeabsichtigt Partikularinteressen Einzelner oder Gruppen zu bedienen, die über entsprechende Kompetenzen verfügen oder sich diese leisten können. Die Entwicklung und Bereitstellung von offenen Standards und Schnittstellen, vor allem aber die Entwicklung von Civic Tech (mehr dazu in Kapitel #4 Kollaboration einschleusen) sind Voraussetzung für die Nutzung der Daten durch breitere Teile der Bevölkerung.

Quellen und Verweise

  • Ebert, J., Keßler, S. & Volk, S. C. (2015): Akzeptanz durch Transparenz? in: Akzeptanz in der Medien- und Protestgesellschaft.,
  • Picon, A. (2015): Smart Cities : A spatialised intelligence (1. Auflage. ed., AD Primer).,
  • University of California (Hrsg.) (2017): Developing a New Methodology for Analyzing Potential Displacement. ,

Links