4 Kollaboration einschleusen

Die Welt der „Techies“ ist in der Architektur und Stadtplanung weitestgehend noch unbekannt. Das sollte sich schnell ändern, denn die Auswirkungen des digitalen Wandels sind in städtischen Strukturen und Systemen bereits in vollem Gange. Treibende sind jedoch bislang große Firmen und Softwareunternehmen. Erste Ansätze einer Kollaboration von Zivilgesellschaft und Softwareentwicklung gibt es bereits unter dem Begriff Civic Tech. Hier tummeln sich Initiativen und Unternehmen, die Werkzeuge zur Ermächtigung von Bürgerinnen und Bürgern oder neue Lösungen für Verwaltungen entwickeln. Doch so unterschiedlich die beiden Welten bisher sind, so schwer tun sie sich, eine gemeinsame Sprache zu sprechen und die noch unterschiedlichen Arbeitsprozesse zu synchronisieren.

Zwei Welten: Stadtplanung und Softwareentwicklung

Stadtplanung ist eine komplexe Angelegenheit. Es braucht einen langen Atem, um Veränderungen zu erwirken. Grundlage der Stadtplanung ist ein starres und hierarchisch organisiertes Planungsregelwerk, an dessen Ende der Bebauungsplan den Rahmen für die gebaute Stadt bildet. Erst dann schließen sich konkrete Planungsprozesse an. Durch das Mitwirken von Beteiligten aus Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft verlieren auch Planungsprofis nicht selten den Überblick. Dazu kommen Unwägbarkeiten: Vom Willen der gerade amtierenden Regierung hängen Projekte ebenso ab wie von einer zunehmend streitlustig werdenden Bevölkerung. Und die erwacht ausgerechnet dann, wenn alles schon beschlossen schien und die Bagger anrollen. Durchhaltevermögen brauchen sowohl Planungen neuer Stadtteile als auch Konversionsvorhaben alter Industriestandorte. Selbst ein Zebrastreifen, der durch bürgerschaftliches Engagement erstritten wird, braucht Jahre, bis endlich seine Farbe trocknen darf (vgl. Bürgerinitiative Berlin Bundesplatz [1]).

Die Tech-Branche scheint einem ganz anderen Tempo zu folgen. Agiert wird unter hohem Zeitdruck und mit der Maßgabe ständiger Gewinnmaximierung unter dem strengen Blick der Investierenden. Aus dem Nichts sollen Anwendungen geschaffen werden und Geschäftsmodelle am besten disruptiv sein. Konkret heißt das, sie sollen Konkurrierende ausschalten und den neu erschlossenen Markt sichern. „Move fast and break things“ war dazu lange der Slogan, den sich das Unternehmen Facebook an die Wände gepinselt hatte. Kreative Innovationsprozesse spielen in Design und Entwicklung von Software eine zentrale Rolle. Die Ansätze unterscheiden sich erheblich von bisherigen, eher linearen Prozessen der Projektentwicklung. Agiles Entwerfen und iteratives Vorgehen sind die neuen Forderungen. Das heißt, dass Prozesse durch prototypische Entwurfsschritte über lange Zeit offen und anpassbar bleiben. Indem Prototypen getestet werden, können Erkenntnisse direkt in die Entwicklung einfließen. Scheitern ist dabei erlaubt und erwünscht: „Fail fast, fail often“ ist zu einem – nicht unkritischen – Mantra der Tech-Unternehmen geworden (vgl. Donohue, 2015). Indem im Prozess potenzielle Fehlentwicklungen entdeckt werden, sinkt das Risiko von Bruchlandungen fertiger Produkte. Auch wenn die Produkte bisweilen kritisch gesehen werden können, revolutionieren diese Methoden inzwischen auch die Arbeitswelt ganz anderer Bereiche.

Civic Tech als alternative Narration von Digitalisierung?

Die Entwicklung der Tech-Branche kennt zwei Seiten. Auf der einen Seite stehen große Konzerne wie Google, facebook oder Amazon, denen Ambitionen auf die Weltherrschaft nachgesagt wird. Dem gegenüber stehen die vielen kleinen Start-ups der Digitalbranche mit ehrgeizigen Zielen. Beide Seiten gehören zum sogenannten High-Tech-Kapitalismus, der Machtverhältnisse zugunsten von einigen Wenigen verschiebt. (vgl. Keen[gV1] ). Die Branche steht damit alles andere als für die Hoffnung, die bisweilen mit den Umwälzungen von Digitalisierung verbunden sind: die Stärkung von Demokratie.

Techies

Techies hatten lange Zeit keinen attraktiven Ruf. Mittlerweile sind Programmierer*innen überall dringend gesucht - ob in digitalen Start Up-Unternehmen oder in der Stadtverwaltung. Der Data Scientist gilt als „Sexiest Job of the 21st Century“.
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Die Idee ist nicht neu. Die Entwicklung beginnt in den USA schon in den 1980er Jahren mit der Freien Software Bewegung und dem Betriebssystem Linux. So wurde die Open-Source-Software geboren, die einerseits Transparenz, aber auch die Möglichkeit der kollaborativen Weiterentwicklung möglich machte. Seitdem kämpft ein Teil der Entwickler- und Hackerinnenszene um Datenhoheiten, Transparenz und Mitbestimmung. Und im Kern geht es dabei um eine alternative Narration von Digitalisierung. Heute vereint das Schlagwort Civic Tech Einzelpersonen, Initiativen und Unternehmen, die den Gemeinwohlaspekt bei der Entwicklung von digitalen Anwendungen in den Mittelpunkt stellen. Vor allem in den USA liegt der Fokus auf dem Austausch zwischen Verwaltungen und Politik mit Bürgerinnen und Bürgern. Die strittige Frage bei der Begriffsdefinition ist, ob Anwendungen lediglich für die Zivilgesellschaft entwickelt werden, oder ob zivilgesellschaftliche Akteure selbst die Anwendungen gestalten. Klar ist, dass auch Unternehmen sich mittlerweile mit dem Begriff schmücken, deren Gemeinwohlorientierung eher zu bezweifeln ist. Ähnlich wie bei der Smart-City-Debatte ist das Ringen um die Begriffsbestimmung eröffnet.

Who The Hell Does Civic Tech?

Wenn man die klassischen Unternehmen mit Civic-Tech-Affinität beiseite lässt, sind es hauptsächlich kleine Initiativen und Vereine, die sich auf den Weg machen, ein grundsätzlich anderes Verständnis von Gesellschaft „in Code zu gießen“. In Deutschland spielt in der sozialen Tech-Bewegung die „Open Knowledge Foundation“ (OKFN) [2] eine prägende Rolle. Die Leitfrage des gemeinnützigen Vereins ist: Wie können digitale Werkzeuge, Anwendungen oder Plattformen Bürgerinnen und Bürger ermächtigen? Dabei ist die Kernidee, Daten aus städtischen Verwaltungen zu öffnen und auf deren Grundlage Anwendungen zu schaffen, die die Stadtentwicklung transparent und damit dialogfähig macht. Wichtigster Grundsatz ist dabei immer der freie Zugang zu Daten und Informationen. Dazu hat der Verein in vielen Städten sogenannte OK-Labs (Open-Knowledge-Labs) gegründet, die auf verschiedenen Ebenen praktische Lösungen entwickeln.

Diese Labs greifen oft auf Infrastruktur und Erfahrung aus der Hacker- und Hackerinnenszene zurück. Mit dem „Chaos Computer Club“ (CCC) [3], der größten europäischen Hackerinnen- und Hackervereinigung, bestehen seit Anfang der 1980er Strukturen, die „Nerds“ eine Plattform bieten und zentrale gesellschaftliche Fragen „im Spannungsfeld technischer und sozialer Entwicklungen“ diskutieren. Bis heute kommen unter der Flagge des CCC technisch affine Menschen zusammen, die die gleiche Leidenschaft und eine ähnliche politische Gesinnung teilen. Zwar sind das vergleichsweise wenige Menschen, aber sie sind extrem gut vernetzt und inzwischen ein offizieller Ansprechpartner der Politik zu diesen Fragen.

The Struggle Of Civic Tech / prekär aber gut

Viele der alternativen Tech-Projekte funktionieren auf ehrenamtlicher Basis. Ihre Beteiligten agieren aus Leidenschaft und politischem Antrieb. Mit dem Tempo der kreativen Digitalindustrie können die Projekte nur selten mithalten. Auch sind grafische Umsetzung und klare Benutzeroberflächen oft weniger relevant, da hierzu schlicht die Ressourcen fehlen. Um finanziellen Spielraum und professionelle Unterstützung zu erschließen, kooperieren Civic-Tech-Initiativen zum Teil mit großen Tech-Unternehmen. So wurde die „Open Knowledge Foundation“ eine Zeit lang von Google gefördert. Zudem zeichnen sich verstärkt Kooperationen zwischen Stiftungen und größeren Unternehmen ab, die im Kontext von Digitalisierung und Zivilgesellschaft Projektideen fördern. Unter anderem hat sich der Stifterverband für ein derartiges Projekt mit Amazon zusammengetan. Die Amazon-Server-Infrastrukturen werden den geförderten Projekten – bequemerweise – bereitgestellt. So versuchen Unternehmen geschickt Abhängigkeiten zu erzeugen: sogenannte Lock-in-Effekte (vgl. Empfehlungen des Beirats für Raumentwicklung (BFR), 2017). Die „Open Knowledge Foundation“ hat das Thema Civic Tech auch auf die Agenda des Bundesministeriums für Bildung und Forschung gebracht: Durch eine neue Förderrichtlinie, den so genannten „Prototype Fund“ [4], werden private Akteure bei der Umsetzung von gemeinnützigen und quelloffenen Anwendungen unterstützt. Das Programm richtet sich unter anderem an all die Programmierenden der Hackercommunity, die sonst unbezahlt arbeiten. Zu den geförderten Projekten gehören auch einige aus dem Kontext der Stadtplanung.

Verschwörhaus Ulm

Mitten im Ulmer Stadtzentrum befindet sich das Pendant zum Ulmer Schwörhaus - das Verschwörhaus. Das Projekt ermöglicht so den oft geforderten niedrigschwelligen Zugang und platziert die Digitalisierung als Thema mitten in der Stadt.
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Städte und Civic Tech

Die Relevanz von Civic Tech für Städte ist augenscheinlich. Von der Ermächtigung der Bürger und Bürgerinnen wird seit einigen Jahren praktisch in jedem Faltblatt mit Stadtentwicklungsbezug gesprochen. Partizipation hat starre Stadtplanungsprozesse „aufgeweicht“. Durch Beteiligung könnte Planung agiler und iterativer werden – und sich damit den Prozessstrukturen der Techies annähern. Auch wird die Kritik daran lauter, „den großen städtischen Datenschatz“ einfach unentgeltlich großen Softwareunternehmen zu überlassen, – und sich im Zuge dessen von ihren Anwendungen abhängig zu machen.

Eigentlich wären dies ideale Bedingungen für eine Zusammenarbeit zwischen Techies und Stadtplanung. Doch viele Berührungspunkte gibt es bisher nicht. Noch immer herrscht ein sehr eingeschränktes Verständnis für die je andere Arbeitsweise und die zu entwickelnden Inhalte. Erste Ansätze der Zusammenarbeit in Deutschland gibt es unter anderem in Ulm. Dort hat eine offene Stadtverwaltung dem dortigen OK-Lab die Türen geöffnet und fördert die Zusammenarbeit auf bemerkenswert kreative Art. Das Ulmer Projekt nennt sich „Verschwörhaus [5]. Die Räume, die in einer ehemaligen Sparkassenfiliale liegen, bilden das Pendant zum benachbarten Ulmer „Schwörhaus“, auf dessen Balkon der Bürgermeister jedes Jahr seinen Eid leistet, im Dienste der Büger und Bürgerinnen Ulms zu handeln. Das „Verschwörhaus“ wird von Stadt und Privatwirtschaft mischfinanziert. Und durch seine prominente Lage weist es der Debatte um die Entwicklung von Stadt durch digitale Technologien bewusst einen Platz in der Mitte der Stadtgesellschaft zu. Zwischen 3D-Druckern, Nähmaschinen, Lasercuttern und Lastenrädern werden hier Programmierkurse für Erwachsene und Kinder angeboten. Die Ulmer kommen hierher, um zu diskutieren, zu hacken und zu löten. Gemeinsam suchen sie nach Lösungen, wie technologischer Fortschritt im Dienste der Stadtgesellschaft stehen kann – und nicht umgekehrt. Professioneller noch treiben Städte anderer Länder das Zusammendenken von Stadtenwicklung und Civic Tech voran. In den USA wurde 2017 mit dem „New York Planning Labs“ eine verwaltungsinterne Einheit gegründet, in der Progammierinnen und Stadtplaner gemeinsam digitale Werkzeuge entwickeln (siehe auch Kapitel #5 „Offene Gesellschaft verwalten“).

Verschwörhaus Ulm

Grafikunterschrift: Das Ulmer Verschwörhaus führt Zivilgesellschaft, Stadtverwaltung und weitere Akteuren zum Thema digitale Stadtgesellschaft zusammen. Im Gegensatz zu verwaltungsinternen digitalen Labs wird hier die Unabhängigkeit stärker gewahrt, so dass auch die Innovationskraft erhalten bleibt.
© HTW Dresden

Data Literacy für Planer

Will man die Verquickung von Stadtplanung und Softwareentwicklung im Alltag weiter vorantreiben, wird von Planer*innen künftig ein besseres Verständnis für Datenstandards benötigt. Der Datenstandard definiert die Arbeitsprozesse oder Produkte aus der Welt der Planung so, dass diese in die Welt der Datenbanken eingepflegt werden können. Ein Beispiel: Ein Stadtplanungsamt möchten alle Beteiligungsprozesse für Bürger*innen so digitalisieren, dass es für die Bürger*innen möglich ist, die Informationen gezielt nach ihren Bedürfnissen zu filtern. So könnte beispielsweise eine Jugendliche nachsehen, ob, wo, wie und wann sie sich an der Gestaltung einer Skaterbahn beteiligen kann. Um die Datenbank entsprechend anzureichern, müssten also alle Beteiligungsveranstaltungen durchdefiniert werden, mit Ziel, Ort und Zeitpunkt, Art der Beteiligung, beteiligte Akteure, etc. Skaliert man diese Methode auf einen i.d.R. sehr komplexen Planungsprozess hoch, wird klar, dass das Wissen der Planenden unbedingt in die Definition der Datenstandards einfließen müssen.

So erweitert sich das Arbeitsfeld von Planerinnen und Architekten durch die Digitalisierung. Unter dem Begriff Digital bzw. Data Literacy versteht man die „digitale Alphabetisierung“ und Lesefähigkeit. Gemeint ist damit nicht nur die funktionale IT Fertigkeit, sondern ein ganzer Fächer von digitalem Verhalten, Praktiken und Prozessen des digitalen Identitätsmanagements. Sich solch eine Digital Literacy zu erarbeiten und so am Schaffen neuer Datenstrukturen und Lösungen mitwirken zu können, sollte daher als Teil der Vorbereitung auf das Arbeitsfeld Stadtplanung oder Verwaltung in die Ausbildung oder ins Studium integriert werden. Es sollte auch Teil von Fortbildungen im Berufsleben sein.

Die Handlungsempfehlungen für die Integration von Civic Tech in die Stadtverwaltungen liegen auf der Hand: Es braucht einen Prozess der Annäherung der beiden Welten, ihrer Denkweisen und Arbeitsprozesse. Dies kann nur mit politischem Willen und einer guten finanziellen Ausstattung gelingen. Den ersten zarten Pflänzchen wie dem „Protoypefund” oder dem Ulmer „Verschwörhaus“ müssen weitere Schritte folgen, die eine Zusammenarbeit zwischen Stadtplanung, Data Scientists und Softwareentwicklung im Sinne einer gemeinwohlorientierten Stadt zu professionalisieren.