5 Offene Gesellschaft verwalten

Die Rolle der Stadtverwaltungen wird sich ändern. Bisherige Strukturen scheinen dem wachsenden gesellschaftlichen Druck nach mehr Transparenz und Teilhabe an der Entwicklung der Stadt nicht mehr gerecht zu werden. Anstelle einer steuernden und regulierenden Instanz wird die Verwaltung zur offenen Verhandlungsplattform mit interaktiven Kommunikationsstrukturen für neue Bündnispartnerinnen und Bündnispartner. Für den Rollenwechsel sind neben einer umsetzungsorientierten Agenda zur digitalen Transformation der Stadt und der Hoheit über digitale Infrastrukturen vor allem neue Bündnisse mit der Zivilgesellschaft essentiell.

Yes! Change a running system

Veränderungen eingespielter Abläufe und Strukturen fallen grundsätzlich schwer. Nicht selten drängt die Zivilgesellschaft die Verwaltungen durch Gesetze zu Informationsfreiheit und Transparenz zu unfreiwilligen Umstrukturierungen. Diese können auf die Verwaltungen jedoch durchaus positive Auswirkungen haben, wie das folgende Beispiel aus dem Bundestag zeigt: Bis Februar 2016 erstellte der wissenschaftliche Dienst im Auftrag von Bundestagsabgeordneten Gutachten, die den Abgeordneten exklusiv vorbehalten blieben. Durch das Informationsfreiheitsgesetz ist der Bundestag nun dazu verpflichtet, diese Gutachten auf Anfragen hin zu veröffentlichen. Im Zuge der Kampagne „FragDenBundestag” [1] wurden im Januar 2016 in kürzester Zeit gezielt und automatisiert so viele Anfragen gestellt, dass der Bundestag zur Offenlegung aller Gutachten gedrängt wurde. Der Aufwand, alle Dokumente online zu stellen, war wesentlich geringer, als jede Anfrage individuell zu bearbeiten. Zur besseren Suche in den Dokumenten des Bundestages hat die „Open Knowledge Foundation” Suchmaschinen wie kleineanfragen [2] oder sehrgutachten [3] entwickelt. Nachweislich werden diese Civic-Tech-Tools heute nicht nur von Journalisten und Wissenschaftlern, sondern vor allem durch die Bundestagsabgeordneten selbst benutzt.

Die Renaissance der Smart City und ihre neuen Standards

Das noch frische Bündnis von Verwaltung und Zivilgesellschaft im digitalen Bereich der Stadtentwicklung setzt der technologiegetrieben Smart City einen Ansatz entgegen, der die Bedürfnisse, die Wahrnehmungen und die Ideen der Menschen ins Zentrum rückt. Die Smart City erfährt einen Paradigmenwechsel hin zu einer Stadt, in der Technik nicht mehr als autonomer Treiber städtischer Infrastrukturprojekte begriffen wird, sondern als Werkzeug zur Umsetzung allgemeiner Leitlinien einer nachhaltigen Stadtentwicklung. Vernetzte Quartiersbewohner, offene Daten, “Bügerhaushalte” und Beteiligungsapps stellen neue Anforderungen an die Verwaltung und erfordern darüber hinaus einen grundsätzlichen Wandel ihrer Funktionsweise und ihres Selbstverständnisses. Anstelle der heutigen Auffassung von Verwaltung als steuernde, regulierende und verteilende Instanz rückt ein neues Leitbild. Dies versteht Verwaltung als Schnittstelle mit transparenten Informations- und Kommunikationsstrukturen, die Stadtentwicklung zum offenen Aushandlungsprozess zwischen Politik, Wirtschaft, Verwaltung und Bevölkerung machen. Begriffe wie Partizipation, Koproduktion und Kollaboration implizieren ein neues Verwaltungsdesign. Dazu gehört ein Methodenkoffer, der um etliche Kommunikationstools erweitert ist. Die Digitalstrategin Francesca Bria aus Barcelona spricht diesbezüglich von einem hybriden Modell aus Verwaltung und Selbstverwaltung, das Bürgerinnen und Bürger direkt in die Verwaltungsprozesse oder Projekte einbezieht. Umgesetzt wird diese Agenda beispielsweise im Rahmen der digitalen Beteiligungsplattform decidim.barcelona [4]. Diese bietet beispielsweise Tools an, um Fragen unter vielen Beteiligten auszuhandeln oder über die Verwendung von Haushaltsmitteln mitzuentscheiden. Dass Partizipation und Koproduktion keineswegs nur durch digitale Werkzeuge organisiert werden kann, ist dabei unbestritten. Unerlässlich erscheinen sie mittlerweile jedoch, um Transparenz in Prozessen zu erzeugen, Netzwerke aufzubauen und Informationen zu teilen (s. Kapitel #3 Transparenz hinterfragen). Der Barcelona Digital Plan [5] unterstreicht das Bestreben der Stadt, digitale Technologien und Daten zur Stadtentwicklung unabhängig von großen Technologiekonzernen einzusetzen. Neben der eigens dafür eingerichteten Abteilung „Barcelona Municipal Institute of Information Technology“ werden im Sinne einer digitalen Souveränität der Stadt neue Leitlinien und Standards definiert, die den Einsatz und die Entwicklung von Technik und Software im Verwaltungskontext regeln. So legen die „digital services standards” einen agilen, offenen und nutzerzentrierten Prozess zur Entwicklung von Software für die Bevölkerung fest, während der „technology code of practice” technische Richtlinien für offene Standards und Open Source vorgibt und ethische Grundsätze zur Datennutzung definiert.

Chorweiler

Im Kölner Problembezirk Chorweiler bot sich 2016 im Rahmen eines Beteiligungsprozesses die Chance, gemeinsam mit den Anwohner*innen die Umgestaltung von drei Stadtplätzen zu entwerfen und prototypisch vor Ort für zwei Wochen zu testen
© Mathias Burke, Urban Catalyst GmbH

Wie das Prototyping die Stadtentwicklung entert

Zur Umsetzung des digitalen Wandels benötigen Städte ressortübergreifende, interdisziplinäre Abteilungen, die innovative Ideen zur städtischen Verwaltung und Selbstverwaltung entwickeln und ausprobieren. Charles Landry, Stadtforscher und Autor der Schrift “The Digitized City”, schreibt zur Verwaltung der digitalisierten Stadt: „Die Verwaltungsstruktur wird eine neue Gestalt haben, eine schlankere Administration und Ämter, die wir noch gar nicht kennen. Tatsächlich werden die Ämter, die sich mit Dateninterpretation oder -interaktion befassen, dramatisch an Zusammenhang redundant, da Informationsaustausch und Interaktion horizontale Belange sind, die jeden Bereich betreffen. Eine zentrale Aufgabe für öffentliche Einrichtungen wird darin bestehen, diese Interaktionen und Transaktionen zwischen verschiedenen öffentlichen Stellen zu steuern und auszubalancieren, um Interaktionen mit BürgerInnen sicherzustellen.“ (vgl. Landry, 2016)

Mexiko, Helsinki, New York und Ulm – viele Städte haben den Bedarf an solchen interdisziplinären Labs bereits erkannt, in denen Programmierende Hand in Hand mit Verwaltungen arbeiten, um die Stadtplanung mit Civic Tech durch die digitale Welt zu führen – möglichst vorbei an den Insellösungen großer Konzerne. Neben Softwaretools für Zivilgesellschaft und Stadtverwaltung werden hier im Sinne einer nachhaltigen und sozialen Stadt Technologien wie Robotik, künstliche Intelligenz und das Internet of Things entwickelt. Beispiele für diese Labs finden sich in Barcelona [6] und Mexico [7]. Einen speziellen Fokus hat das „NY Planning Lab” [8]: Es arbeitet ausschließlich an der Schnittstelle von Softwareentwicklung und Stadtplanung.

Auch in San Francisco wird im „Mayor’s Office of Civic Innovation“ seit 2012 erforscht, wie Regierung und Verwaltung kollaborativer, innovativer und interaktiver handeln können. Ein interessantes Projekt sind hier die „Living Innovation Zones” [9], in denen Bürgerinnen und Bürger geplante öffentliche Räume vorab testen und ihre Bewertungen abgeben. Diese Methode des “Prototypings” stammt aus der agilen Softwareentwicklung und findet unter dem Begriff „Urban Prototyping” [10] bereits in mehreren Städten Eingang in die Stadtentwicklung.

Offene Gesellschaft verwalten

Detailansicht - Die Zusammenarbeit von Stadtentwicklung und Softwareentwickler*innen erfordert Flexibilität von beiden Seiten. Die Überführung von realen Handlungsschritten aus dem Planeralltag in digitale und maschinenlesbare Daten (Entschlüsselung) stellt eine Hauptherausforderung dar. Für das kontinuierliche Zusammenarbeiten bieten sich die Arbeitsbaussteine aus dem agilen Design an. © HTW Dresden

Drei Handlungsfelder für den digitalen Wandel der Stadt

Städte brauchen die Hoheit über digitale Infrastrukturen, Daten und Software. Um sich aus der Umklammerung großer Technologiekonzerne lösen, sind sie neben finanziellen Ressourcen auch auf zivilgesellschaftliches Know-how und Engagement angewiesen:

1 - Infrastruktur bereitstellen

Städte sollten offene, kostenlose, herstellerunabhängige Informations- und Kommunikationsnetzwerke bieten, um auch Nachbarschaften anzubinden, denen es an technischer Infrastruktur fehlt. Nicht selten kommt hier die Initiative nicht von oben, sondern von unten – indem Anwohnerinnen und Anwohner Bottom-up-WLan-Netzwerke aufbauen. Solch offenen IP-Netzwerke sind im Sinne einer kollektiven Nutzung flexibler und belastbarer als die kommerziellen Netze. Es gibt sie beispielsweise in Katalonien (Guifi) oder in Wien (FunkFeuer).

2 - Zugang zu Daten und Software sicherstellen

Daten sind Teil der städtischen Infrastruktur und sollten daher herstellerunabhängig gesammelt, aufbereitet und als Open Data bereitgestellt werden. In der Realität müssen Städte die benötigten Daten jedoch oft teuer von privaten Datensammlern wie Google oder Strava kaufen oder sie im Tausch gegen eigene Daten erwerben. Als Alternative können Städte eigene Infrastrukturen aufbauen, mit denen sie Daten sammeln, um sie im Sinne des städtischen Gemeinwohls zu verwerten. Ein dritter Weg ist: Bürgerinnen und Bürger werden zu „Komplizen” und überlassen ihre Daten hierzu den Verwaltungen. Dabei testen Projekte wie „DECODE” [11] oder „MY DATA” (Finnland) derzeit, wie Privatpersonen ihre Daten selbstbestimmt sammeln, verwalten und kontrollieren können. Ziel sind offene und dezentralisierte Datenplattformen, die der Zivilgesellschaft kostenlos zur Verfügung stehen.

3 - Neue Bündnisse schließen

Die lebhafte Entwicklung von Bottom-up-Netzwerken und -Tools zeigt, dass die Zivilgesellschaft den Stadtverwaltungen bei der Gestaltung des digitalen Wandels als neuer Bündnispartner zur Seite steht. Eine der ersten Städte, die dieses Potenzial erkannte, war Washington D.C.: Die Stadt initiierte im Jahr 2008 den städtischen Hackathon „Apps for Democracy” und markierte damit den Beginn der Open-Data-Bewegung.

Interdisziplinär arbeitende Verwaltungsabteilungen werden mit ihren neuen und vielfältigen Bündnissen zwischen Verwaltung und Zivilgesellschaft dazu beitragen, die Möglichkeiten der Smart City zu nutzen. Die bewusste Rückbesinnung auf das wesentliche Ziel – die Planung einer gerechten, nachhaltigen und inklusiven Stadt für eine offene Gesellschaft – muss der Maßstab zum Einsatz von Technik werden.

Quellen und Verweise

  • Landry, C. (2016): The Digitized City: Influence & Impact,

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